Seit sieben Monaten schließen sie den Laden gemeinsam – das Schild umdrehen, die Kasse zählen, den letzten Wagen mit Rückgaben zu den durchhängenden Regalen hinten tragen –, und in all der Zeit hat keiner von beiden einen Grund gefunden, den anderen absichtlich zu berühren.
Heute Nacht trägt der Wagen vierzig Bücher, und die obersten drei Fächer sind nur sicher zu erreichen, wenn jemand die Leiter unten hält. Er hält sie unten. Sie steigt hinauf.
„Lyrik steht im zweiten Fach", ruft sie hinunter, einen Stapel wasserfleckiger Taschenbücher in der Armbeuge. „Ich weiß, wo die Lyrik steht", sagt er. „Ich habe sie am Dienstag eingeräumt." „Dann reich sie richtig hoch."
Er reicht sie ihr einzeln hinauf, mit dem Rücken voran, so wie sie es ihm im April beigebracht hat, und sie schiebt jedes Buch in seine Lücke, ohne hinunterzusehen – ihre ganze Aufmerksamkeit beim Regal, seine bei den Rollen der Leiter, die feststehen, und bei der Bremse, die er schon zweimal geprüft hat.
Das letzte Buch darf sie selbst verstauen, ein schmales blaues ohne Schutzumschlag, und sie hält es einen Herzschlag länger fest, als nötig wäre, als wäre sie noch nicht bereit, dass der Wagen leer ist.
„Das war's", sagt er. „Komm runter."
Sie steigt hinunter, wie immer, Sprosse für Sprosse, eine Hand sucht das Geländer und findet stattdessen seine Schulter, denn das Geländer ist längst belegt – beide Hände von ihm darauf, je eine zu beiden Seiten ihrer Hüften, als halte er eine Leiter fest, die seit zehn Minuten nicht mehr wackelt.
Sie bleibt eine Sprosse über dem Boden stehen. Das bringt sie genau auf seine Augenhöhe, so nah, dass keiner den Kopf heben oder senken muss, um die Augen des anderen zu finden – was in sieben Monaten so noch nie passiert ist, weder aus Versehen noch mit Absicht.
„Letzte Sprosse", sagt er, ohne zurückzutreten, ohne die Hände vom Geländer zu nehmen. „Ich weiß, wo der Boden ist", sagt sie, und nimmt sie trotzdem nicht.
Der Laden hält den Atem an, wie er es nach Ladenschluss immer tut – Staub setzt sich, die Heizung tickt irgendwo hinter der Lyrik –, und für einen langen Moment unternimmt keiner von beiden etwas gegen die eine Sprosse, die noch zwischen ihr und dem Boden bleibt.
