Ihr Mantel ist bis zum Hals zugeknöpft, eine Hand schon an der Türklinke, und er redet noch immer – er redet jetzt seit fast einer Stunde, über nichts Bestimmtes, hält den Satz einfach am Laufen, damit die Tür eine Tür bleibt und noch kein Abschied wird.
„Ich sollte gehen", sagt sie. Nicht zum ersten Mal heute Nacht. „Das hast du um eins auch schon gesagt", sagt er, ohne aus dem Weg zu gehen. „Das ist deine Schuld." „Die nehme ich gern."
Über seine Schulter hinweg zeigt die Küchenuhr 1:58 – die alte Aufzuguhr, die er von seinem Großvater geerbt hat, keine Batterie, kein Gedächtnis, nichts darin, das sich von selbst richtet. Sie beobachtet den Minutenzeiger schon seit zehn Minuten, so wie man einen Topf beobachtet, den man eigentlich gar nicht kochen sehen will.
„Heute Nacht werden die Uhren zurückgestellt", sagt er und ertappt ihren Blick. „Das sollte ich erledigen, bevor ich's vergesse." Er sagt es wie eine Ausrede, weil es eine ist, und beide lassen es so stehen.
Er zieht einen Stuhl an die Wand und steigt in Socken hinauf, greift mit zwei Fingern nach den Zeigern, vorsichtig, so wie man etwas anfasst, das erschrecken könnte. „Halt mal fest", sagt er und meint den Stuhl. Sie legt stattdessen beide Hände an ihn, flach auf seine Hüften, hält nichts fest – der Stuhl steht ohnehin still – und er weist sie nicht zurecht.
Er dreht den Minutenzeiger zurück, Klick für Klick, vorbei an zwei, vorbei an halb zwei, vorbei an viertel nach eins, und im Zimmer ändert sich nichts außer der Zahl.
Er steigt herunter. Die Uhr zeigt wieder eins. „So", sagt er. „Die Stunde bekommen wir zweimal."
Sie sieht zur Tür. Dann auf den Mantel, den sie immer noch trägt. Dann beginnt sie, die Knöpfe zu öffnen, den obersten zuerst, langsam, als würde sie prüfen, ob die Regel wirklich für sie gilt – ob eine zurückgegebene Stunde beiden gehört, oder nur ihm.
Die Uhr tickt weiter auf zwei zu, unbeeilt, niemand stoppt diesmal die Zeit, und bis sie wieder etwas bedeutet, sieht keiner von beiden mehr hin.
