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Der Text für heute NachtNach Einbruch der Nacht1 Min.

Die Wasserlinie

Sie hatte die Kerze bis auf den letzten Zentimeter herunterbrennen lassen, bevor sie hineinstieg, sodass der Raum nur noch Umrisse zeigte – die helle Rundung der Wanne, das schwarze Rechteck des Spiegels, ihre eigenen Knie, die die Oberfläche durchbrachen wie zwei kleine Hügel, die sie für sich behalten wollte.

Er fand sie am Geräusch, bevor er sie sah: Wasser, das sich bewegte, dann still wurde, dann wieder bewegte, in jenem besonderen Rhythmus, der bedeutete, dass sie sich nicht wusch. Sie saß nur darin. War nur irgendwo, das für eine Weile nicht die beiden von ihnen war.

Er fragte nicht, warum sie wach war. Stattdessen ließ er sich auf die Fliesen sinken, den Rücken gegen das kühle Porzellan, die Knie an die Brust gezogen, nah genug, dass sie ihn atmen hörte, bevor eines von beiden ein Wort sagte.

„Konnte nicht schlafen", sagte sie, mehr zur Decke als zu ihm.

„Das dachte ich mir", sagte er und ließ das für eine Weile das ganze Gespräch sein.

Das Wasser war von zu heiß zu genau richtig zu jetzt, jener besonderen Kühle geworden, die bedeutete, dass sie eigentlich raus sollte – und es nicht tat. Manche Nächte war das Gehen der Sinn der Sache. Heute Nacht war es das Bleiben.

Sie griff über den Rand, ohne hinzusehen, und fand die Linie seines Kiefers mit einer Hand, die fast nur aus Wasser bestand, kalt, wo sie sie verließ, und schon warm werdend an ihm. Sie sagte nichts dazu. Sie ließ die Hand das Nötige sagen.

Er drehte den Kopf einen halben Zentimeter in die Berührung hinein – so, wie ein Mann sich einer Sache zuwendet, von der er sich noch nicht eingestehen will, dass er seit seinem Eintreten darauf gewartet hat.

Keiner von beiden bewegte sich darüber hinaus. Die Kerze flackerte einmal und wurde wieder ruhig. Der Rest der Wohnung hielt seine eigene, getrennte Stille, gleichgültig gegenüber den fünfzehn Zentimetern abkühlenden Wassers zwischen seiner Schulter und ihrem Handgelenk.

Sie bat ihn nicht zu bleiben. Musste sie nicht. Er war schon in jener besonderen Art still geworden, die Bleiben bedeutete, und das Wasser, das mit jeder Minute kälter wurde, war längst kein Grund mehr dafür, dass einer von beiden noch in diesem Raum war.

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Die Publikation

LiteraturfürErwachsene,geschriebenalswürdeeszählen.

SparkBang veröffentlicht jeden Abend einen neuen Kurztext. Kein Video, kein Streaming. Nur Prosa — kurz, aufgeladen, die Art, die man im Buch unterstreichen würde, wenn man es in der Hand hielte.

  1. Ein Text, jede Nacht

    Jede Nacht um Mitternacht Pacific erscheint ein neuer Text. Der von heute steht oben auf der Seite. Der von gestern im Katalog. Der von vorgestern, dem Tag davor, bis zum Anfang — alles noch da, genau so, wie es geschrieben wurde.

    Jede Nacht
  2. Anzüglich, nicht explizit

    Wir schreiben die Sekunde davor und die Sekunde danach. Den Teil dazwischen vertrauen wir dir an. Die Texte sind bewusst kurz, bewusst anzüglich — und so lange redigiert, bis jeder Satz seinen Platz verdient hat.

    Mit Handwerk
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    Offenes Regal

Die Lesehaltung

Wie man das liest.

Eine kurze Publikation ist ein kurzes Ritual. Das sind die sieben Anweisungen, die unsere Redakteure über dem Schreibtisch an die Wand geklebt haben. Leih sie dir.

  1. Such dir ein Fenster.

    Öffne es, wenn du kannst. Die Art Luft, die durch ein offenes Fenster kommt, ist die Art Luft, für die das hier gemacht ist.

  2. Mach das Deckenlicht aus.

    Eine Stehlampe ist gut. Eine Kerze auch. Dein Bildschirm auch, auf niedrigster Helligkeit.

  3. Leg das Telefon mit dem Display nach unten.

    Keine Benachrichtigungen, kein Scrollen, kein Lebenszeichen für die nächste Minute.

  4. Noch nichts trinken.

    Das Glas wartet auf danach. Erst lesen.

  5. Lies es laut, wenn du allein bist.

    Flüstere, wenn du es nicht bist. Bewege die Lippen in jedem Fall: Diese Texte wurden geschrieben, um gehört zu werden.

  6. Nicht überfliegen.

    Jeder Text ist bewusst kurz. Das Tempo ist das Entscheidende. Die Sätze dauern genau so lange, wie sie dauern müssen.

  7. Bleib danach noch eine Minute.

    Nicht neu laden, nicht teilen, niemandem davon erzählen. Lass den letzten Satz landen, bevor du dich bewegst.

— Die Redaktion