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Der Text für heute NachtDer Morgen danach1 Min.

Die Schublade

Sie fand ihr Kleid auf dem Stuhl neben dem Fenster. Er sah zu, wie sie es aufhob — sachlich, wie eine Frau etwas vom bekannten Boden sammelt — und etwas in ihm verstummte.

Er hatte sich nicht bewegt, seit sie ihre Augen öffnete. Er bewegte sich nicht.

Sie schüttelte das Kleid einmal und schlüpfte hinein. Er beobachtete ihren Rücken, die Linie ihrer Wirbelsäule. Den Reißverschluss griff sie selbst. Zog ihn beinahe ganz hoch.

„Du hast geschlafen", sagte er. Er hatte nicht vorhaben gehabt, etwas zu sagen.

Sie drehte sich um. Das Licht war in ihren Augen. „Ja", sagte sie, als würde auch sie das überraschend finden.

Er wollte sagen: Bleib. Stattdessen sagte er: „Es gibt Kaffee."

Sie überlegte. Er konnte die kleine Berechnung hinter ihrem Gesicht sehen — die Waagschale senkte sich, die Umstellung. Sie setzte sich zurück auf die Bettkante, an den Platz, wo sie gewesen war. Nicht ganz nah genug zum Anfassen. Der Rücken des Kleides immer noch offen.

„Nur Kaffee", sagte sie.

„Nur Kaffee", stimmte er zu.

Sie wussten beide, dass es nicht so war. Sie ließen die Güte trotzdem gelten, wie Erwachsene es tun, wenn der Morgen eine Fiktion verlangt und es keinen guten Grund gibt, sie nicht zu geben.

Sie ging in die Küche. Er hörte sie Dinge finden: den Schrank, die Dose, die Schublade. Sie bewegte sich wie jemand, der wusste, wo die Dinge aufbewahrt wurden, oder es nicht wissen musste. Manche Frauen sind so.

Er stand auf, als er es roch. Das Licht hatte sich verändert. Er stand in der Tür, und sie war an der Arbeitsplatte mit dem Rücken zu ihm, das Kleid immer noch offen entlang ihrer Wirbelsäule, und er dachte: Ich werde mich daran erinnern. Die genaue Qualität des Lichts. Der Laut, den sie machte, als sie die richtige Schublade fand.

„Tassen?", sagte sie. Sie hatte sich nicht umgedreht.

„Über dir", sagte er.

Der Katalog

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Die Publikation

LiteraturfürErwachsene,geschriebenalswürdeeszählen.

SparkBang veröffentlicht jeden Abend einen neuen Kurztext. Kein Video, kein Streaming. Nur Prosa — kurz, aufgeladen, die Art, die man im Buch unterstreichen würde, wenn man es in der Hand hielte.

  1. Ein Text, jede Nacht

    Jede Nacht um Mitternacht Pacific erscheint ein neuer Text. Der von heute steht oben auf der Seite. Der von gestern im Katalog. Der von vorgestern, dem Tag davor, bis zum Anfang — alles noch da, genau so, wie es geschrieben wurde.

    Jede Nacht
  2. Anzüglich, nicht explizit

    Wir schreiben die Sekunde davor und die Sekunde danach. Den Teil dazwischen vertrauen wir dir an. Die Texte sind bewusst kurz, bewusst anzüglich — und so lange redigiert, bis jeder Satz seinen Platz verdient hat.

    Mit Handwerk
  3. Zum Teilen, nicht zum Aneignen

    Jeder Text hat eine saubere URL. Schick ihn weiter. Zitier ihn mit Quellenangabe. Lies ihn laut vor, wem auch immer er gebührt. Veröffentliche ihn nicht unter deinem Namen — die Urheberschaft zählt.

    Offenes Regal

Die Lesehaltung

Wie man das liest.

Eine kurze Publikation ist ein kurzes Ritual. Das sind die sieben Anweisungen, die unsere Redakteure über dem Schreibtisch an die Wand geklebt haben. Leih sie dir.

  1. Such dir ein Fenster.

    Öffne es, wenn du kannst. Die Art Luft, die durch ein offenes Fenster kommt, ist die Art Luft, für die das hier gemacht ist.

  2. Mach das Deckenlicht aus.

    Eine Stehlampe ist gut. Eine Kerze auch. Dein Bildschirm auch, auf niedrigster Helligkeit.

  3. Leg das Telefon mit dem Display nach unten.

    Keine Benachrichtigungen, kein Scrollen, kein Lebenszeichen für die nächste Minute.

  4. Noch nichts trinken.

    Das Glas wartet auf danach. Erst lesen.

  5. Lies es laut, wenn du allein bist.

    Flüstere, wenn du es nicht bist. Bewege die Lippen in jedem Fall: Diese Texte wurden geschrieben, um gehört zu werden.

  6. Nicht überfliegen.

    Jeder Text ist bewusst kurz. Das Tempo ist das Entscheidende. Die Sätze dauern genau so lange, wie sie dauern müssen.

  7. Bleib danach noch eine Minute.

    Nicht neu laden, nicht teilen, niemandem davon erzählen. Lass den letzten Satz landen, bevor du dich bewegst.

— Die Redaktion