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Der Text für heute NachtAlte Flammen1 Min.

Der Umweg

Sonntage gehörten dem Hund. So war es vor Monaten an einem Konferenztisch festgelegt worden, den keiner von beiden eigentlich gebraucht hätte, und es funktionierte, weil es so wenig verlangte: Er klingelte, sie öffnete die Tür, die Leine wechselte den Besitzer, und das war die ganze Übergabe.

Diesmal klingelte er, statt vom Bordstein aus zu schreiben. Sie bemerkte es und sagte nichts. Der Hund war an ihren Knöcheln vorbei, noch bevor sie die Tür ganz geöffnet hatte, direkt auf ihn zu, als wären die sechs Tage dazwischen ein Fehler, den er gerade korrigierte.

„Willst du den Umweg nehmen?“, sagte er und sah dabei den Hund an, nicht sie. „Einmal um den Stausee. Wenn du die Zeit hast.“

Zwanzig Minuten zuvor hatte sie sich beim Falten eines Handtuchs, das gar nicht gefaltet werden musste, eingeredet, sie hätte sie nicht.

Sie holte trotzdem ihre Jacke.

Die Leine war für eine Hand gemacht, und sie hatten sie sich immer aus Gewohnheit geteilt, aus einer Zeit, in der das Teilen etwas anderes bedeutet hatte. Nach zwei Straßenblocks fanden ihre Finger denselben Streifen Nylon, ohne dass einer von beiden es so gewollt hätte, während der Hund einem Eichhörnchen hinterherzog, das längst verschwunden war.

„Du machst das Ding wieder“, sagte sie.

„Welches Ding.“

„Langsam gehen. Du gehst nie langsam.“

„Ich hab's nicht eilig“, sagte er, und keiner von beiden korrigierte, in welcher Zeitform das eigentlich stand.

Am Wasser wurde der Hund endlich müde genug für einen Trab und schenkte ihnen für einen halben Block jenen Abstand, der sich anfühlte, als wären sie allein in aller Öffentlichkeit — ihre Schulter fand seine, ohne dass sie es entschieden hätte, seine Hand blieb, wo sie schon war.

Vor ihrer Tür wechselte die Leine wieder den Besitzer, wie immer, nur dass er sein Ende diesmal einen Herzschlag zu lang hielt, und sie ließ ihn, und der Hund setzte sich hin, um abzuwarten, wie sie das nennen würden.

Der Katalog

Wähl einen aus, der dich ins Bett begleitet.

Jeder Text steht für sich und ist in etwa einer Minute zu lesen. Jeder hat seine eigene URL — klicken zum Öffnen, kopieren zum Teilen. Der Katalog wächst; nichts wird gelöscht.

Die Publikation

LiteraturfürErwachsene,geschriebenalswürdeeszählen.

SparkBang veröffentlicht jeden Abend einen neuen Kurztext. Kein Video, kein Streaming. Nur Prosa — kurz, aufgeladen, die Art, die man im Buch unterstreichen würde, wenn man es in der Hand hielte.

  1. Ein Text, jede Nacht

    Jede Nacht um Mitternacht Pacific erscheint ein neuer Text. Der von heute steht oben auf der Seite. Der von gestern im Katalog. Der von vorgestern, dem Tag davor, bis zum Anfang — alles noch da, genau so, wie es geschrieben wurde.

    Jede Nacht
  2. Anzüglich, nicht explizit

    Wir schreiben die Sekunde davor und die Sekunde danach. Den Teil dazwischen vertrauen wir dir an. Die Texte sind bewusst kurz, bewusst anzüglich — und so lange redigiert, bis jeder Satz seinen Platz verdient hat.

    Mit Handwerk
  3. Zum Teilen, nicht zum Aneignen

    Jeder Text hat eine saubere URL. Schick ihn weiter. Zitier ihn mit Quellenangabe. Lies ihn laut vor, wem auch immer er gebührt. Veröffentliche ihn nicht unter deinem Namen — die Urheberschaft zählt.

    Offenes Regal

Die Lesehaltung

Wie man das liest.

Eine kurze Publikation ist ein kurzes Ritual. Das sind die sieben Anweisungen, die unsere Redakteure über dem Schreibtisch an die Wand geklebt haben. Leih sie dir.

  1. Such dir ein Fenster.

    Öffne es, wenn du kannst. Die Art Luft, die durch ein offenes Fenster kommt, ist die Art Luft, für die das hier gemacht ist.

  2. Mach das Deckenlicht aus.

    Eine Stehlampe ist gut. Eine Kerze auch. Dein Bildschirm auch, auf niedrigster Helligkeit.

  3. Leg das Telefon mit dem Display nach unten.

    Keine Benachrichtigungen, kein Scrollen, kein Lebenszeichen für die nächste Minute.

  4. Noch nichts trinken.

    Das Glas wartet auf danach. Erst lesen.

  5. Lies es laut, wenn du allein bist.

    Flüstere, wenn du es nicht bist. Bewege die Lippen in jedem Fall: Diese Texte wurden geschrieben, um gehört zu werden.

  6. Nicht überfliegen.

    Jeder Text ist bewusst kurz. Das Tempo ist das Entscheidende. Die Sätze dauern genau so lange, wie sie dauern müssen.

  7. Bleib danach noch eine Minute.

    Nicht neu laden, nicht teilen, niemandem davon erzählen. Lass den letzten Satz landen, bevor du dich bewegst.

— Die Redaktion